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Die Auswirkungen von Corona auf die Barista-Welt – Ein Interview mit Profi-Barista Martin Wölfl

Anfang 2020, mittlerweile vor genau zwei Jahren, hatten uns die ersten Nachrichten über das Corona-Virus erreicht. Zu diesem Zeitpunkt war es etwas, das am anderen Ende des Globus sein Unwesen treibt. Etwas, von dem wir glaubten, dass es in wenigen Wochen ganz einfach unter wichtigeren News untergehen würde. Noch weniger konnten wir erahnen, wie sich unser aller Leben schon ganz bald massiv verändern würde.

Ausgangsperren, Kontaktbeschränkungen, lokaler Handel und Restaurants geschlossen. Eine Situation, die niemand zuvor in dieser Weise erlebt hatte. Der Lockdown hat also auch vor den Cafés nicht Halt gemacht und so war der Alltag von Profi-Barista Martin Wölfl genauso auf einen Schlag ein anderer.

Bevor Martin aber genauer erzählt, wie sich die Pandemie auf ihn ausgewirkt hat, welche Learnings er bis jetzt daraus ziehen konnte und vor allem, wie er seine Zeit als Barista seither verbracht hat, wollen wir ihn euch erst mal genauer vorstellen.

Man mag es kaum glauben, aber Martin ist ein totaler Quereinsteiger in der Barista-Welt.

Nach einem absolvierten BWL-Studium war er im Marketing für eine Rösterei tätig. Von diesem Zeitpunkt an ist er immer tiefer in das Thema Kaffee eingetaucht und hat seine Leidenschaft für die Materie, aber auch für die Community dahinter entdeckt.

Heute ist Martin Wölfl der Mann, der den Titel des Austrian Brewers Cup Champion 2021 trägt und sich außerdem internationalen und Tiroler Filterkaffee-Meister 2019“ nennen darf. Gerade trainiert er für die Weltmeisterschaft, die im September 2022 in Melbourne (Australien) stattfindet vor. Für mehr als 4 Jahre war er in der Balthasar Kaffeebar in Wien tätig, gab sein Wissen in Barista-Schulungen weiter und gründete Anfang 2020 zudem seine eigene Beratungsagentur MW-Kaffee. Seit Juli 2021 ist er nun Kaffee Abteilungsleiter bei der Öfferl – Kaffeerösterei und kümmert sich dort um den Aufbau und vertrieb des in Gaubitsch (NÖ) gerösteten Kaffees.

„Ich möchte mit Kaffee und den Menschen dahinter arbeiten.“

Sein Ziel ist es, die Wertigkeit und die Wertschätzung gegenüber Kaffee zu steigern. Kaffee soll bewusst konsumiert und wahrgenommen werden. Das funktioniert nur, wenn man weiß, was hinter dem Produkt steckt und welche Handgriffe notwendig sind, bis man eine gute Tasse Kaffee vor sich stehen hat.

Dabei ist ihm die Pandemie aber nicht nur im Weg gestanden, sondern hat ihm in gewissen Bereichen geholfen, die Materie Kaffee aus ganz anderen, ganz neuen Blickwinkeln zu sehen. 

Was war deine Reaktion, als du gehört hast, dass sich dein Bereich, also deine Leidenschaft, durch die Pandemie sehr stark einschränken wird?

Es ging alles Schlag auf Schlag, deshalb konnte ich das Ganze erst mal gar nicht richtig realisieren. Ich war zu dem Zeitpunkt sogar noch in Guatemala, wo wir unsere Reise nach nur wenigen Tagen abbrechen mussten. Erst als das Ausmaß der Dinge etwas greifbarer wurde, habe ich mir die ersten Gedanken gemacht, wie es weitergehen könnte.

„Ich kann wenig an der Situation ändern, aber ich kann die Situation nutzen, um etwas Neues zu starten.“

Ich hatte meine Selbstständigkeit schon im Juni 2019 offiziell gemacht und sah dann die Situation erstmal als Chance, mich verstärkt darauf zu fokussieren. Im zweiten Moment ging mir aber durch den Kopf, wie sich die Pandemie generell auf die Branche auswirken würde. Auch hinter meinen Barista-Schulungen und wann ich wieder als Barista tätig sein kann, stand erst mal ein großes Fragezeichen.

Wie hat sich dein Arbeitsalltag in der Balthasar Kaffeebar mit Beginn der Pandemie verändert?

Die Kaffeebar war in der ersten Zeit natürlich komplett geschlossen und es war recht unklar, wie es weiter gehen würde. Meine tägliche Arbeit als Barista und somit meine Leidenschaft war vorerst komplett weggebrochen. Die größte Herausforderung war also erst mal, einen neuen Alltag zu finden und sich an die neue Situation anzupassen.

„Der Austausch zwischen Barista und Kunden fehlte ganz einfach.“

Nach einiger Zeit konnten wir wieder Take-away anbieten, worüber natürlich alle froh waren, aber das Konsumverhalten war natürlich schon ein ganz anderes. Es macht einen Unterschied, ob man seinen Kaffee aus einem Pappbecher trinkt oder bewusst das Ambiente in einem Café wahrnimmt. Natürlich hat der Papierbecher auch Einfluss auf den Geschmack des Kaffees. Man musste also Abstriche machen, aber mein Ziel war nach wie vor, dem Kunden die beste Qualität zu liefern.

(c) Rene Hunderpfund

Welche Chancen haben sich für dich durch die Pandemie ergeben?

„Corona hat mir die Chance gegeben, ganz neu zu denken.“

Ich habe mich recht zeitnah mit der Frage beschäftigt, wie die Pandemie die „Barista-Welt“ verändern könnte. Ich habe versucht, „Kaffee neu zu denken“, und mir Gedanken gemacht, was die nächsten Schritte seien, die ich gehen konnte.

Ich habe auch angefangen, mich mit der Thematik zu beschäftigen, welchen Einfluss das Trinkgefäß auf den Kaffee hat, und habe daraus etwas entwickelt, das es so noch nicht gibt. Darüber kann ich euch schon ganz bald mehr berichten.  

Auch durch Zoom & Co haben sich neue Türen geöffnet. Immer mehr Leute haben angefangen, sich während des Lockdowns online von zuhause aus mit der Materie Kaffee zu beschäftigen. Genau auf diesen Zug bin ich aufgesprungen und habe unter anderem begonnen, mein Wissen über diverse Social-Media-Kanäle und Zoom weiterzugeben.

Auch bin ich mir persönlich sicher, dass sich die Wertschätzung des Kunden für das Barista-Handwerk aufgrund der Pandemie verändern wird. Kaffeeliebhaber sollten spätestens jetzt wissen, dass hinter einer guten Tasse Kaffee mehr steckt als nur ein Knopfdruck. Das sehe ich als große Chance für die Barista-Community, aber auch für Gastronomen im Generellen.

Was war dein größtes Learning während der Pandemie?

Es fühlt sich etwas komisch an zu sagen, dass ich dieser Zeit auch etwas Gutes abgewinnen kann. Aber ich habe vor allem gelernt, positiv zu bleiben und die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Beruflich musste ich plötzlich selbst Verantwortung übernehmen und mich motivieren, neue Ideen umzusetzen. Das hat mich mit Sicherheit persönlich, aber auch beruflich ein paar Schritte weitergebracht.

„Wenn man für etwas brennt und von seiner Idee überzeugt ist, kann einen auch eine Pandemie nicht aufhalten.“